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Langfassung der Fahrt als spannende Reportage

Die erste Fernfahrt

Es sind nur wenige Begebenheiten der legendären Fahrt von Bertha Benz von Mannheim nach Pforzheim überliefert. Ich will Ihnen die Geschichte daher so erzählen, wie sie sich wahrscheinlich zugetragen hat.

Es war in den ersten Augusttagen des Jahres 1888. Im badischen Land hatten die Schulferien gerade begonnen. Da öffnet sich im Morgengrauen in Mannheim auf der Waldhofstraße fast lautlos ein großes Holztor.

Zwei Jungen schieben ein dreirädriges Gefährt auf die Straße. Ihre Mutter sitzt auf einer lederüberzogenen Holzbank an einer Kurbel und versucht das Vehikel um die erste Kurve zu lenken. Immer wieder sehen die drei nach hinten, um auch ja sicher zu sein, dass sie von niemandem bemerkt werden. Als sie sicher sind, dass sie noch immer nicht entdeckt worden sind, stellt sich Eugen, der ältere der beiden Knaben, hinter den Karren. Mit einem kräftigen Ruck drehte er an dem großen eisernen Schwungrad, das hinten quer im Wagen verankert ist - doch nichts geschieht!

Er schaukelt das Schwungrad ein paar Mal hin und her und verpasst ihm noch einmal einen kräftigen Schwung. Unterdessen hat Richard, der jüngere, an einem Messingrad unter der Sitzbank gedreht. Das Schwungrad federt noch einmal zurück und Eugen greift wieder in eine der armdicken Speichen, um das schwere gusseiserne Rad erneut in Schwung zu bringen. "Töff ... töff ... töff", antwortet der große Zylinder, der in Längsrichtung über dem Schwungrad liegt. "Töff ... töff ... töff ...", und der Kolben des Motors verrichtet seinen Dienst, so wie es seine Aufgabe ist. Die Buben springen zu ihrer Mutter auf den Wagen. Nach einem kräftigen Zug an dem Hebel, der seitlich neben der Sitzbank nach oben ragt, und der über eine Querstange, die in einer Gabel endet, den flachen Lederriemen von der Leerlaufscheibe der Vorgelegewelle auf die Arbeitsscheibe befördert, setzt sich der Motorwagen in Bewegung. So beginnt eine Fahrt, die in die Automobilgeschichte eingehen wird.

Noch ist der Tag über Mannheim nicht ganz angebrochen. Den drei Landfahrern auf dem pferdelosen Wagen pfeift der frische Morgenwind kräftig um die Nase. Von der Waldhofstraße biegen sie in Richtung Wallstadt ab. Die Straße ist gut befestigt und der Wagen kommt richtig in Fahrt. Die Straße ist noch flach. Der kupferne Wasserbehälter über dem Zylinder beginnt zu dampfen und aus dem Rohr, das aus dem Behälter kommend unter den Wagen führt, zischt eine weiße Wolke. Kurz vor Wallstadt kommen ihnen die ersten Menschen entgegen. Ausch sie haben sich schon früh auf den Weg gemacht, um den langen Fußmarsch nach Mannheim in die Fabriken anzutreten. In kleinen und großen Gruppen kommen sie daher. Staunend bleiben sie stehen und blicken dem Wagen, der ohne Pferde puffend und zischend an ihnen vorbei "rast", fassungslos nach. Das wird ihnen niemand glauben, wenn sie es am Arbeitsplatz erzählen, "ein pferdeloser Wagen". Kurz vor der Kreuzung, von der die Straße nach Ladenburg abbiegt, begegnet ihnen ein Mann, der auf einem Hochrad sitzt. Als er den "Wunderwagen" herannahen sieht, tritt er so kräftig in die Pedale an seinem riesigen Vorderrad, dass er kopfüber von seinem Drahtesel in den Chausseegraben fällt. "Hölle und Teufel", laut fluchend lässt er das Hexenfuhrwerk an sich vorbeiziehen. Er hält dabei die Hände über seinen Kopf, so als wollte er sich vor dem Weltuntergang schützen. Doch die "Drei" setzen ihre Fahrt unbeirrt fort. Schon tauchen die Türme der alten Römerstadt Ladenburg auf, und als die ersten Sonnenstrahlen beginnen den Tag zu erwärmen, erreichen sie die alten Fachwerkhäuser. Das Kopfsteinpflaster rüttelt gewaltig an den Rädern. Am Brunnen vor dem Ladenburger Marktplatz füllt Richard ein paar Liter frisches Wasser nach. Noch immer läuft der Motor gleichmäßig und der Lederriemen greift noch gut auf die Vorgelege-Räder, die inzwischen spiegelblank geworden sind. Die "Drei" steigen wieder auf und behutsam lässt Bertha Benz den Lederriemen von der Leerlaufscheibe wieder auf das Antriebsrad gleiten. Ohne Zögern setzt sich der Patent-Motorwagen in Bewegung. Die Fahrt geht weiter entlang an den Feldern, auf denen das frische Getreide goldgelb im Sonnenlicht leuchtet. Sie fahren auf der Straße, von der die Buben in der Schule gelernt hatten, dass man sie die "alte Römerstraße" nennt. So erreichen sie Heidelberg. Kurz hinter der Brücke, die steil über den Neckar führt, füllen sie aus einer Flasche, die sie mitgenommen hatten, Treibstoff nach. Eigentlich wollten sie den Tankinhalt nur kontrollieren, doch zu ihrem Erstaunen stellen sie fest, dass der Tank schon fast leer ist. Auch den Wasserbehälter müssen sie schon wieder auffüllen und die kupfernen Kontaktstreifen an der Nockenwelle zeigen bereits deutliche Verschleißspuren. Sie waren nun schon fast zwei Stunden unterwegs. Inzwischen haben sie sich an die staunenden Menschen, die ihnen auf der Straße nachblicken, gewöhnt. Viele schütteln den Kopf und murmeln unverständliche Worte vor sich hin, die sich manchmal wie kurze Gebete anhören. Andere werfen die Arme in die Luft und laufen in die Häuser, als wollten sie Schutz suchen vor etwas Unfassbarem. Es gibt aber auch Menschen, die den drei Fernfahrern zuwinken, so als wollten sie die neue Zeit begrüßen.

Als die Sonne schon kräftig von Himmel brennt, erreichen sie Leimen und wieder müssen sie Wasser einfüllen, auch der Tank hat sich schon wieder bedrohlich geleert. Der Kraftstoffverbrauch lag also deutlich höher, als der Vater vermutet hatte. Der Vater - was würde er wohl sagen, wenn er von der heimlichen Fernfahrt erfährt?

Eugen blickt seine Mutter von der Seite an. Richard, der auf der kleinen Bank gegenüber sitzt, hatte seine Schildmütze vom Kopf genommen und zerknautscht sie in den Händen. "Der Vater ist jetzt wach. Er weiß jetzt, dass wir gefahren sind", beginnt Eugen. "Er hat den Zettel auf dem Küchentisch längst gefunden", meint Richard. "Aber da steht ja nur drauf, dass wir zur Großmutter gefahren sind, und dass wir ihn nicht wecken wollten", sagt die Mutter. "Er wird doch nicht gleich in die Werkstatt gehen, um nach dem Wagen zu sehen. Heute wollte er doch die neue Drehbank einrichten. Da hat er anderes zu tun. Er wird denken, wir sind mit der Eisenbahn gefahren".

Inzwischen sind sie nach Nußloch gekommen. Der Weg, auf dem sie weiter in Richtung Wiesloch fahren, ist staubig und durch die Pferdefuhrwerke sind die Ränder stark ausgefahren. In der Mitte, auf der das Vorderrad fährt, stehen ausgedörrte Grasbüschel, die kräftig an der Lenkung schütteln. Kurz vor Wiesloch wird der Weg wieder breiter und der holprige Mittelstreifen verschwindet. Als sie den Ortsrand von Wiesloch passieren, hat Eugen ein fröhliches Wanderlied auf den Lippen und die anderen wollen gerade einstimmen, da bleibt der Wagen plötzlich stehen.

Schnell kommen ein paar Menschen näher und wollen wissen, wie diese Kutsche denn ohne Pferde hierher gekommen ist. "Es ist keine Kutsche, es ist der Patent-Motorwagen von Carl Friedrich Benz", verkündet Bertha stolz.

"Wer ist Carl Friedrich Benz?" "Das ist ein Ingenieur aus Mannheim. Er hat den Motorwagen erfunden, und wir fahren heute mit ihm von Mannheim nach Pforzheim". "Ohne Pferde?" will der Mann wissen. "Ohne Pferde."

"Kommt Freunde, die drei sind anscheinend verrückt", stellt der Mann konsequent fest. "Total verrückt", kopfschüttelnd gehen die Leute weiter.

"Motorwagen ...", denkt Eugen "und ein Motor, der nicht mehr läuft." "Eugen, sieh mal", die Mutter hatte die Schraube am Messingtank wieder abgedreht. "Der Tank ist leer, kein Tropfen mehr. Wie soll der Motor da noch laufen?" "Da geht es dem Motor wie einem Pferd, das keinen Hafer mehr bekommt". "Vater hat mir einmal erzählt, dass er Treibstoff aus der Apotheke geholt hat", mischt sich Richard ein. Eine Apotheke, natürlich, hier in Wiesloch muss es doch eine Apotheke geben.

Richard packt den widerspenstigen Motorwagen an der Vorderradgabel. Die Mutter und Eugen schieben hinten. Nach ein paar hundert Metern kommen sie an einen Platz und tatsächlich, da prangt das ersehnte Schild an der Hauswand: "Stadtapotheke".

Nur noch wenige Meter und der Benz-Wagen steht vor der Treppe, die zur Eingangstür führt. Ein schwarz gekleideter Herr erscheint und betrachtet sich das eigentümliche Gefährt.

"Guten Tag, mein Name ist Ockel, Willi Ockel, ich bin der Apotheker, kann ich Ihnen helfen?" "Wir sind mit dem Motorwagen von Mannheim nach Pforzheim unterwegs und nun ist uns der Treibstoff ausgegangen", beginnt Bertha Benz zu erklären. "Vielleicht können Sie uns helfen. Mein Mann hat einmal erzählt, er hätte Kraftstoff aus der Apotheke geholt. Ich erinnere mich, dass er von einem Reinigungsmittel sprach, das Ligroin heißt. Wir würden Ihnen gern zehn Liter abkaufen. Fünf Liter passen in unseren Tank und fünf Liter möchten wir als Reserve mitnehmen". "Gute Frau, Ligroin verkaufen wir in Mengen von 100 oder 200 Kubikzentimetern, wir haben vielleicht zwei bis drei Liter am Lager." Es dauerte nicht lange und der Apotheker erscheint mit einer Glasflasche, die gut zur Hälfte gefüllt ist, "das ist unser ganzer Bestand."

Während Richard die wertvolle Flüssigkeit in den Kraftstoffbehälter füllt, überprüft Eugen noch einmal die Speichen und die Antriebsketten an den Hinterrädern; dann geht er an das große Gusseisenrad und versetzt ihm ein paar kräftige Schwünge. Das schwere Rad schlägt erst ein paar Mal widerwillig zurück, und dann beginnt es mit seinen gleichmäßigen Umdrehungen. Die Mutter begibt sich an die Lenkkurbel und lässt den Treibriemen wieder sachte auf das Antriebsrad gleiten. Mit einem leichten Ruck setzt sich der Motorwagen wieder in Bewegung. Der Apotheker steht noch immer auf der Treppe und schaut den drei Fernfahrern staunend nach. Dann geht er zurück in die Apotheke. Seine Frau und der Gehilfe hatten hinter dem Fenster alles genau beobachtet. Langsam komt der Apotheker durch die noch immer halb offene Tür. "Ich glaube, dass wir heute ein großes Ereignis hatten. Da draußen stand gerade der Motorwagen aus Mannheim. Ich habe im Badischen Generalanzeiger schon davon gelesen. Wenn sich diese pferdelosen Wagen einmal durchsetzen sollten, dann wird unsere Wieslocher Stadtapotheke vielleicht als erste Tankstelle der Welt in die Geschichte eingehen, und ich war der erste "Tankwart".

Der Motorwagen war inzwischen längst wieder davongerattert. Von Wiesloch geht die Fahrt weiter nach Bad Schönborn. Immer wieder müssen die drei Überlandfahrer Wasser nachfüllen, um dem Motor ausreichende Kühlung zu verschaffen. Die Sonne brennt jetzt erbarmungslos auf die staubigen Wege. Aus einer blechernen Ölkanne ist Eugen ständig damit beschäftigt, frisches Öl in die Tropföler zu füllen. Ihr Weg führt sie weiter entlang der Bahnlinie. "Wißt ihr eigentlich", beginnt Bertha Benz zu erzählen, "dass Euer Großvater einmal stolzer Lokomotivführer war? Bis zu jenem schrecklichen Tag im Jahr 1846. Eine Lokomotive war aus den Schienen gesprungen und euer Großvater hatte versucht, sie mit ein paar kräftigen Männern wieder auf die Eisenstränge zu stellen. Schweißgebadet hatten sie es geschafft und ein paar Tage später ist euer Großvater dann an einer Lungenentzündung gestorben. Vater war damals nicht einmal zwei Jahre alt." Der Motorwagen kommt noch immer in flotter Fahrt voran, fast 15 Kilometer legen sie in einer Stunde zurück. "Da müssten Pferde schon ganz schön traben", meint Richard, "wenn sie mit uns mithalten wollten und die Zungen würden ihnen ganz schön aus dem Maul hängen". "Und nach ein paar Stunden müssten sie die geschundenen Gäule auswechseln", lacht Eugen. "Werdet nur nicht übermütig", mischt sich da die Mutter ein. "Noch ist nicht aller Tage Abend und bis nach Pforzheim ist es noch ein gutes Stück Weg. Richard, schau doch einmal genau nach den Ketten, ich habe das Gefühl, dass sie sich gelängt haben und jetzt auf die Spitzen der Zahnräder klettern. Das knarrt und kracht so sonderbar." Eugen holt die Ölkanne wieder aus dem Kasten unter dem Sitz und lässt tropfenweise das Öl auf die Ketten träufeln.

Inzwischen haben die Fernfahrer den Ort Stettfeld erreicht, noch einmal können sie in der Ortsapotheke ein paar Liter Ligroin kaufen. Es reicht sogar noch für einen kleinen Bestand im mitgeführten Reservekanister. Aber das Knarren an den Ketten wird jetzt unüberhörbar.

Das Öl hat sich mit dem Straßenstaub zu einer materialzerstörenden Schleifpaste vermischt und lässt die Kettenglieder immer mehr aus ihrer Form geraten. Oft gibt es jetzt krachende Schläge, die immer dann entstehen, wenn die Ketten über die kleinen Zahnräder an der Antriebsachse klettern, sich zum Zerreißen anspannen und dann in die Zähne zurückspringen.

"Wenn wir es noch bis Bruchsal schaffen." Bertha dreht ein wenig von der Luftzufuhr an dem Messingrad unter ihrem Sitz zurück. "Wir müssen etwas langsamer fahren, damit die Ketten nicht noch reißen." In einer Zigarrenfabrik, die an der Strecke nach Ubstadt liegt, besorgt Eugen frisches Maschinenöl. Sofort kommen die Arbeiter aus der Fabrikhalle und bestaunen das zischende Ungetüm. "Wenn dieses Satansgefährt in unsere Tabakfelder gerät, brennen uns womöglich unsere ungewickelten Zigarren ab", meint ein langer, breitschultriger Kerl und geht mit erhobener Faust auf den Wagen zu. Die anderen bleiben geduckt hinter ihm und warten anscheinend darauf, dass ihr Anführer kurzen Prozeß mit dem Teufelskarren macht. Im letzten Moment lässt Bertha Benz den Treibriemen wieder auf das Antriebsrad gleiten und mit ein paar krachenden Fehlzündungen, die den aufgebrachten Arbeitern erst einmal einen gehörigen Schrecken einjagen, setzt sich der Motorwagen wieder in Bewegung.

Kurz hinter Ubstadt kommen sie an das Flüsschen Kraich, von dem die Gegend ihren Namen bekommen hat. Dort im Kraichgau sollte es bergig werden, so hatten sie es auf der Landkarte zu Hause gesehen.

Ein schmaler Holzsteg, den immer nur ein Fahrzeug passieren kann, trennt sie von der anderen Straßenseite. Und von dieser anderen Straßenseite kommt ihnen eine Pferdekutsche entgegen. Der Kutscher auf dem Bock zögert einen Augenblick. Eigentlich war der Motorwagen näher an der Brücke und hätte als erster fahren können. Denn so war es Brauch, wenn sich an einer engen Stelle zwei Fuhrwerke begegnen. Doch plötzlich knallt der Kuscher drüben mit seiner Peitsche und treibt die Pferde in rasendem Galopp über den Holzsteg, so, als gäbe es für ihn nur diesen einen Weg, der Hölle zu entgehen. Drüben waren noch ein paar Landfrauen stehen geblieben. Als der Benzwagen die letzten Meter der Holzbrücke erreicht, laufen sie schreiend auseinander und rufen ihren Herrgott im Himmel an.

"Wenn diese Menschen nur endlich kapieren würden, dass unser Vater kein Teufelswerk geschaffen hat, sondern einen Wagen, der die Menschen einmal näher zusammen bringen wird." Wieder beginnen die Ketten zu krachen und Eugen muss immer mehr Öl zuführen.

Kurz vor Bruchsal kommen sie an eine alte Schmiede. Der Schmied ist gerade damit beschäftigt, mit kräftigen Hammerschlägen einem eisernen Pflug neue Schaaren anzunieten.

"Mutter", beginnt Richard, "Mutter, dieser Schmied müsste doch eigentlich unsere Ketten reparieren können." Bertha Benz bringt den Wagen zum Stehen, der Schmied legt den Hammer aus der Hand und geht langsam auf das seltsame Gefährt zu. "Seid ihr aus Mannheim?"

Richard und Eugen nicken mit dem Kopf. "Woher wissen Sie das?" will die Mutter wissen. "Ich habe von so einem Fuhrwerk gehört. Ein junger Ingenieur soll in Mannheim einen pferdelosen Wagen gebaut haben. Eine Art Kutsche ohne Pferde." "Ja", schreit Eugen, "das ist unser Vater, er heißt Benz. Wir alle heißen Benz und das ist der Benz-Wagen. Vater hat sogar ein Patent darauf." "Die Patent-Nummer ist 37435", mischt sich Richard ein.

Die Mutter hat die Jungen inzwischen zur Seite geschoben und geht mutig auf den Schmied zu. "Mein Name ist Benz, Bertha Benz. Können Sie uns helfen? Die Antriebsketten an unserem Motorwagen haben sich gelängt und nun stimmt der Abstand der Glieder nicht mehr mit den Zähnen der Antriebsräder überein."

Der Schmied überlegt einen Augenblick, "Man müsste die Ketten ausbauen, mit der Seite auf den Amboß legen und von der anderen Seite her durch Hammerschläge die einzelnen Glieder etwas stauchen, damit sie wieder fest werden. Gute Frau, ich will's versuchen. Lassen Sie die Chaise hier stehen. Sie werden sicher Hunger haben. Nicht weit von hier ist ein Gasthaus. In ein bis zwei Stunden kommen Sie wieder her und dann werden Sie sehen, ob meine "Rosskur" an Ihrem pferdelosen Wagen Erfolg gehabt hat." Richard nimmt den Reservekanister unter den Arm.

"Vielleicht finden wir auch gleich eine Apotheke?" Tatsächlich ist es nicht weit bis zum nächsten Gasthof und direkt gegenüber ist auch eine Poststation.

"Vielleicht sollten wir dem Vater wenigstens telegraphieren, damit er weiß, wo wir sind. Er wird sich sicher Sorgen machen, wenn er nun doch gemerkt hat, dass der Patentwagen nicht mehr an seinem Platz steht. Ihr zwei könnt ja schon in die Gastwirtschaft gehen und eine Limonade bestellen". Aber Mutter", beginnen die Jungen fast gleichzeitig. "Wir werden dich doch jetzt nicht im Stich lassen. Wir gehen jetzt alle zusammen zum Postvorsteher und geben das Telegramm auf."

"An Herrn Carl Friedrich Benz - den Erfinder des Motorwagens - sind mit Deinem Patent-Motorwagen schon bis Bruchsal gekommen - fahren weiter nach Pforzheim - Deine drei Ausreißer."

In der Gastwirtschaft gibt es Bratkartoffeln mit Speck und dazu eine kühle Limonade. Vor lauter Anstrengung hatten die drei Landfahrer gar nicht gemerkt, wie hungrig sie geworden waren. Immer wieder blickt Bertha Benz auf ihre kleine Taschenuhr. "Jungens, wir dürfen jetzt keine Zeit verlieren. Wir sollten den Wirt fragen, wo hier eine Apotheke ist." Der Wirt hatte die Unterhaltung der drei aufmerksam mitangehört. "Ist jemand verletzt?" "Nein, wir brauchen Treibstoff!", rief Eugen. "Vielleicht Hefe zum Backen?" wollte die Wirtin wissen. "Nein, Treibstoff für unseren Motorwagen. Unser Wagen wird gerade in der alten Schmiede hier repariert." "Also, nun mal eins nach dem anderen. Das Essen und Trinken kostet zwei Mark fünfzig. Eine Apotheke findet ihr auf der Hauptstraße, die zum Schloß hinführt. Das sind gut 20 Minuten und ich schließe jetzt meine Wirtschaft zu und gehe mir euren Motorwagen ansehen." "Wenn wir sowieso an der Apotheke vorbeifahren müssen, sollten wir jetzt auch erst nach unserem Wagen sehen", mahnte die Mutter. "Vielleicht ist der Schmied schon fertig."

Als die drei mit dem Wirt zurückkommen, ist der Schmied gerade dabei, die zweite Kette wieder aufzulegen. Eugen ölt beide Ketten neu ein, denn der Schmied hat sie erst einmal gründlich gereinigt und auch die Kettenräder hat er von der klebrigen schwarzen Kruste befreit. Diesmal setzt Richard das große Schwungrad in Bewegung. Bertha Benz hat schon die Geldbörse in der Hand, um dem Schmied seinen Lohn zu geben. "Liebe Frau Benz, wenn Sie wirklich in Pforzheim ankommen und Sie werden gefragt, was Ihnen unterwegs auf Ihrer Fahrt so alles passiert ist, dann sagen Sie den Leuten, wenn der Schmied in Bruchsal nicht gewesen wäre, dann hätten wir es vielleicht nicht geschafft, und dann wird es vielleicht einmal heißen, die alte Schmiede in Bruchsal, das war die erste Reparaturwerkstatt für den Motorwagen und das wird dann mein Lohn sein."

Das Gefährt hat sich längst wieder in Bewegung gesetzt, als ihnen der Wirt noch nachruft: "Und bei mir habt ihr gegessen, das dürft ihr ruhig auch weiter erzählen."

Die Ketten laufen jetzt wieder ruhig über die Zahnräder und Bertha Benz kann die Luftzufuhr für den Vergaser wieder voll aufdrehen. In der Apotheke lassen sie sich den Tank noch einmal ganz auffüllen und auch den Reservekanister kann der Apotheker noch füllen. "Man könnte fast glauben, sie hätten sich für uns einen Extravorrat an Ligroin angelegt", freut sich Bertha Benz, als sie dem Apotheker den begehrten Treibstoff bezahlt.

Es dauert nicht lange, bis sie nach Untergrombach kommen und die Fahrt weiter nach Weingarten geht.

Kurz nachdem sie den Ort passiert haben, lässt die Leistung des Motors plötzlich nach. Das große Schwungrad beginnt sich ruckartig zu drehen, bleibt fast stehen und setzt sich dann ohne erkennbare Gründe wieder in Bewegung. Der pferdelose Wagen bockt wie ein störrischer Esel. "Das kann doch nicht sein, dass das Ligroin schon wieder zu Ende geht!" ruft Eugen. Der Wagen war inzwischen stehen geblieben. Eugen dreht die Einfüllschraube vom Tank. "Nein, der ist noch fast halb voll. Wir sollten einmal die Leitung zum Vergaser überprüfen." Mit einem Schraubenschlüssel, den Eugen aus der Werkzeugkiste genommen hatte, löst er die Leitung am Vergaser. Tatsächlich, es kommt kein Kraftstoff! Aus dem dünnen Kupferrohr sickert nur ein bräunlicher Schlamm. "Unsere Leitung ist verstopft", stellt Eugen sachkundig fest.

Die drei sind zunächst ratlos. Plötzlich zieht die Mutter eine lange Nadel aus ihrem Hut, die eigentlich die Aufgabe hatte, die Kopfbedeckung am Haar festzuhalten. Langsam stößt sie die Nadelspitze in die Öffnung der Leitung bis nur noch der schwarze Knopf am anderen Ende der Nadel herausschaut. Dann stößt sie ein paar Mal hin und her, und als sie die Nadel aus der Leitung zieht, spritzt das Ligroin wieder aus der Öffnung. Flink verschraubt Eugen das Rohr am Vergaser und bringt den Motor wieder in Gang. Weiter geht die Fahrt über Grötzingen und Bergheim nach Söllingen. In Söllingen können sie den Tank wieder füllen. Die Sonne steht jetzt schon sehr niedrig, und es wird langsam etwas kühler. Plötzlich bleibt der Wagen wieder stehen. Einfach so, als wolle er jetzt klar machen, dass es nun reicht. Richard klettert als erster von seiner Sitzbank. "Was ist denn nun schon wieder los? So weit ist es doch gar nicht mehr. Das gute Stück wird uns doch jetzt nicht im Stich lassen."

Eugen versucht krampfhaft, das Schwungrad wieder in Gang zu bringen. Doch der Motor machte keinerlei Anstalten, seinen Dienst fortzusetzen. Wortlos greift Eugen an die Kontaktfeder, die hinten am Motor über eine Nocke den Zündfunken zu unterbrechen hat. Das Kabel hier ist durchgescheuert und berührt kurz vor der Feder den Lagerbock der Nockenwelle. Dadurch ist ein Kurzschluss entstanden. Und wieder weiß Bertha Benz Rat. Sie löst ihr Strumpfband und wickelt es zur Isolierung um den blank gescheuerten Draht. Eugen greift wieder in das Schwungrad und setzt den Motor in Gang.

Über Kleinsteinbach und Singen, kommen die Automobilpioniere nach Wilferdingen. Die Sonne ist inzwischen am Horizont untergegangen. Im Gasthaus "Zur Post" wird eine kurze Rast eingelegt. Schnell bildet sich vor dem Wirtshaus eine Menschentraube um das sonderbare Gefährt. Aber die Menschen hier sind freundlich.

"Wohin soll's denn gehen", will ein Jungen wisse, als die drei wieder aus dem Wirtshaus kommen. "Zur Großmutter nach Pforzheim", antwortet Richard. "Dann solltet ihr über die Feldwege durchs Tal fahren. Über'n "Sieh dich vür" werdet ihr mit dem Wägelchen kaum kommen", meint ein gut gekleideter Herr in mittleren Jahren. "Ich bin Reisender. Es ist auch nicht nur die Steigung. Die Leute nennen den Berg ja nicht umsonst "Sieh dich vür", gab ein alter grauhaariger Mann zu bedenken. "Aber es ist halt näher. Durch das Tal über die Feldwege, das schafft ihr heute nicht mehr. Na ja, jetzt müsst ihr's halt selbst entscheiden."

Eugen setzt den Motor wieder in Bewegung. Richard schlägt sich den Jackenkragen ins Genick und übernimmt die Steuerkurbel. "Mutter, wir haben Mut, wir fahren über den "Sieh dich vür", was meinst Du, Eugen?" "Klar doch! Räuber, Wegelagerer, das sind doch alte Geschichten, Ammenmärchen." Auch Eugen zieht sich seine Mütze jetzt tiefer in die Stirn. Kurz hinter dem Sperlingshof beginnt die Steigung. Wie wild beginnt der Wagen zu schnaufen und zu zischen. Die drei halten noch einmal an, um frisches Kühlwasser aus einem nahen Bach zu holen. Doch der Wagen will nicht mehr recht in Fahrt kommen. Zwei Bauernjungen, die auf einer nahen Wiese Futter geholt hatten und jetzt auf dem Heimweg waren, beobachten das seltsame Schauspiel, Anton, der ältere, packt seinen jungen Bruder am Ärmel und zieht ihn hinter eine dicke Eiche. "Joseph, duck dich, ich glaube der Teufel kommt." Kreidebleich und mit schlotternden Knien versuchen die beiden Buben hinter dem Baum zu bleiben. Doch der Teufel scheint mit seiner Karre immer näher zu kommen. "Du, Anton, riechst Du was?" "Ja, Joseph, der Teufel kommt!" "J...J...Ja, es stinkt nach Schwefel, ich riechs genau, hörst Du's Joseph? Jetzt rasselt der Teufel mit Ketten, so wie der Pfarrer erzählt hat. Jetzt muss er ganz nahe sein." "Halt's Maul, sonst packt er uns. Jetzt ist er vorbei." "Du Joseph, hörst Du noch was?" "Nee, Anton."

Der Motorwagen ist jetzt stehen geblieben. Zu steil war der Berg. "Wir hätten doch lieber durch's Tal fahren sollen. Jetzt stehen wir hier und kommen nicht weiter". Langsam steigt Bertha Benz von ihrem Sitz. "Du Anton, hast Du die Stimme gehört? Das war doch im Leben nicht der Teufel. Das hat sich ja nach einer Frau angehört." Langsam kommen die Bauernjungen hinter der Eiche hervor.

"Mutter, setz dich wieder auf die Sitzbank hinter die Lenkkurbel! Wir stemmen uns von hinten gegen den Wagen, damit er nicht zurückrollt."

"Wir versuchen's noch mal!", ruft Richard und setzt das Schwungrad wieder in Bewegung. Doch nach ein paar Metern bleibt das Fuhrwerk wieder stehen. "Wir schaffen es nicht, wenn wenigstens ein Bauer in der Nähe wäre, dann würden wir aus unserem pferdelosen Wagen halt einen Pferdewagen, machen, bis wir über den Berg sind."

Die beiden Bauernjungen waren im Strassengraben langsam nähergekrochen. Richard entdeckt sie zuerst. "Du Mutter, sieh mal, da sind zwei fremde Jungen, die könnten uns vielleicht helfen." "Hallo Ihr zwei, wenn Ihr uns helft, schaffen wir's vielleicht über den "Sieh dich vür" zu kommen."

Zusammen schieben sie den knatternden und schnaufenden Wagen langsam den Berg hinauf bis die Straße wieder eben wird. Ganz allmählich beginnt er sich wieder von selbst zu bewegen. Die beiden Bauernjungen spüren fast, wie sie der Wagen jetzt schon mehr zieht, als dass sie ihn schieben. Oben an der Kreuzung, wo der schmale Weg von Ersingen nach Dietlingen die Landstrasse kreuzt, hält der sonderbare Wagen wieder an. Die Frau auf dem Wagen gibt jedem Buben ein Geldstück und die beiden anderen Jungen klopfen ihnen freundschaftlich auf die Schultern. "Ihr habt uns prima geholfen, jetzt könnt ihr nach Hause gehen und euren Eltern erzählen, dass ihr dabei gewesen seid, wie der Benz-Wagen über den "Sieh dich vür" gefahren ist, und dass ihr ihm dabei sogar kräftig geholfen habt."

Die beiden Jungen bleiben noch eine Weile auf der Landstraße stehen und winken dem Motorwagen nach, den sie noch vor kurzer Zeit für ein Teufelswerk hielten. Ohne daran zu denken, den Futtersack, die Sichel und den Rechen mitzunehmen, rennen sie heim nach Ersingen und erzählen dem Vater von ihrem Erlebnis mit der "selbstfahrenden Kutsche". Aber der Vater schüttelt nur ungläubig den Kopf und auch die Mutter wollte von den unglaublichen Geschichten nichts wissen.

Erst als die Zeitung ein paar Tage später von der weiten Fahrt des "pferdelosen Wagens" berichtet, ruft der Vater seine Buben zu sich und lässt sich die ganze Geschichte erzählen; und als er am Abend im Wirtshaus sitzt, verkündet er stolz von seinen beiden Jungen, die ja schließlich dabei waren und alles mit eigenen Augen gesehen hatten.

Der Benz-Wagen war noch am gleichen Tag, an dem er in Mannheim abgefahren war, in Pforzheim angekommen. Es war schon dunkel, als er vor dem Hotel "Zur Post" anhielt. "Wir wollen hier übernachten und erst morgen zur Großmutter fahren", sagt die Mutter. Der Platz vor dem Hotel war durch zwei Gaslaternen erleuchtet. Hier hielten auch die Postkutschen, wenn sie von Karlsruhe nach Stuttgart fuhren. Denn das Hotel "Zur Post" hatte von altersher die erblichen Postprivilegien der Fürsten von Thurn und Taxis. Hier übernachteten die Reisenden und vornehmen Geschäftsleute. Sie alle konnten an diesem Abend sehen, wie das Verkehrsmittel der Zukunft aussehen wird. Als sie alle draußen vor dem dreirädrigen Benz-Wagen standen, ging Bertha Benz in die Poststube und telegraphierte noch einmal nach Mannheim. "Erste Fernfahrt ist gelungen - sind gut in Pforzheim angekommen."

Das alles geschah im Jahre 1888, an einem Tage im August und wenn wir uns heute an die Lenkräder unserer modernen Automobile begeben und über Digitalanzeigen vermittelt bekommen, dass alle gewünschten Funktionen der vorgegebenen Norm entsprechen, wenn wir uns bequem in die körpergerechten Polster fallen lassen und auf ebenen asphaltbeschichteten Fahrbahnen dahingleiten, vom Stereo-Radio stets darüber informiert, wo uns der nächste Stau erwartet, dann sollten wir uns vielleicht einmal an diese Fahrt von damals erinnern, bei der eine Frau mit ihren beiden Söhnen einen ganzen Tag lang mit den Tücken der damals noch recht unvollkommenen Technik zu kämpfen hatte und am Ende dieses Tages der Welt dennoch beweisen konnte, dass dem "Automobil" die Zukunft gehören wird.


Der Text wurde folgendem Buch entnommen:

Winfried A. Seidel:
Carl Benz
Eine Badische Geschichte
Die Vision vom "Pferdelosen Wagen" verändert die Welt
Edition Diesbach, 2005
ISBN 3-936468-29-X

Wenn Sie den Autor einmal persönlich kennenlernen möchten, besuchen Sie ihn im Automuseum Dr. Carl Benz in Ladenburg!


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